Urtext: Sinn und Unsinn in der Praxis

Urtextausgaben – Wie sinnvoll sind sie in der Praxis?

Die Freunde der Alten Musik trennen sich in zwei Gruppen: Die SpielerInnen, die nur aus Faksimile-Editionen spielen, und diejenigen, denen eine moderne Spielausgabe wichtig ist. Wie sinnvoll sind denn Urtextausgaben?

Professor Neithard Bethke, Komponist und Organist und Herausgeber von Erstveröffentlichungen, meint dazu: „Ich bin - das merke ich immer wieder - nicht der geeignete Mann, sogenannte Urtext-Ausgaben zu erstellen oder bedingungslos gutzuheißen. Ich bin ein Mann der musikalischen Praxis! Bei der Herausgabe von Erstveröffentlichungen sollten Verlage diese meine Erfahrung willkommen heißen und sich nicht - mit Verlaub - auf sog. historischer Korinthenkackerei ausruhen! Die heutigen Musiker werden es Euch danken! Offensichtliche Fehler repariere ich gern, auch bei möglichen Zweideutigkeiten bin ich verhandlungsbereit. Bin dankbar für jeden akribisch aufgespürten Fauxpas. Wenn aber durch sklavische Kopierung schlechter Vorlagen (und untereinander differierender Partituren und Stimmen) nicht nur heutige Interpretationen erschwert werden, geschweige denn, offensichtliche Fehler weiter transportiert werden, dann sträubt sich mein Haar!“

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Kommentare

Wolfgang Feuerlein
0 #4 Wolfgang Feuerlein 2015-11-24 17:55
Das Studium alter Handschriften halte ich für unabdingbar notwendig! Auch ich mußte - heutige Einschätzung: DURFTE! - solche Kurse machen. Allerdings halte ich es für puren Unsinn zu glauben, daß, sobald man einige Zeilen z.B. der Dasia-Notation entziffern kann, man auch weiß, was die Menschen gedacht haben. Die Notenschrift - selbstverständlich auch die spätere - kann nur sehr ungenau zeigen, was wirklich gemeint ist. Ähnliches finden wir in unserer Schreib-Schrift ja auch => jedes "a" wird als "a" geschrieben, aber keine zwei sind wirklich gleich. Und: Ich wette, daß z.B. Clérambault, der sicherlich ein hervorragender Cembalist und Organist war, manchen Triller etwas weiter ausformuliert hat, wenn er einen Sponsor, einen Auftraggeber oder vielleicht eine junge Dame mit Geschmeidigkeit und Virtuosität beeindrucken wollte :lol: Wer uns praktische Musiker zwingen will, die Entscheidung zwischen "Urtext" und "Lust am Spiel" zu treffen, tötet das, was er selbst für schützenswert hält.
Siegmund Eggebrecht
0 #3 Siegmund Eggebrecht 2015-08-24 15:25
Es ist sinnvoll, zwischen Spielausgaben und Urtextausgaben zu unterscheiden. Eine Urtextausgabe sollte den Forschungsstand mit allen Erkenntnissen wiedergeben. Eine Spielausgabe braucht das alles nicht oder nur in geringem Maße.
Angelika Horstmann
+1 #2 Angelika Horstmann 2015-08-23 10:16
Gerne schließe ich mich der Meinung von Herrn Forciniti an. Die Interpretation künstlerischer Produkte unterliegt ständigen Veränderungen. Man denke allein an die Tempodiskussion. Um den Vorstellungen des Komponisten möglichst nahe zu kommen, muss man an die Quellen heran. Das bietet den Interpreten die Möglichkeit zur Komponisten nahen Interpretation. Dies wünschen sich doch auch viele KünstlerInnen. Der Griff zum Faksimile ist letztlich Ausdruck des Wunsches, dem Originalgedanken nahe zu kommen, wenn es keine Urtextausgaben eines Werkes gibt. Da der verlegerische Aufwand sehr hoch ist, sollte allerdings von Fall zu Fall entschieden werden. Was auch eine Gradwanderung bedeutet, da die Entscheidung Bewertung bedeutet.
Martin Forciniti
+1 #1 Martin Forciniti 2015-08-22 07:16
Ich finde Urtextausgaben musikwissenschaftlich gesehen sehr wichtig. Die mit viel Engagement erworbenen Erkenntnisse dieser "Korinthenkackerei" sollten den Interpreten schon interessieren! Wir Musiker sind darauf angewiesen, nach möglichst gut erforschten Ausgaben zu spielen. Die Interpreten würden sich ansonsten unglaubwürdig machen. Nach Faksimile-Ausgaben zu spielen, halte ich nur dann für erforderlich, wenn ein Vergleich mit einer fragwürdigen Ausgabe nötig ist. Beispielsweise habe ich einmal Regers Phantasie und Fuge über BACH nach einem Faksimile gespielt. Obwohl Reger sehr ordentlich schrieb, war es ein Stück Arbeit, sich durch die Noten zu "kämpfen". Mein Wunsch daher: Verlage sollten immer die Kriterien des Urtextes in ihren Ausgaben berücksichtigen. Musikwissenschaftliche Standards müssen überall eingehalten werden.

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