Musik und Politik

spohr

Neues Buch über politische Einflüsse auf Musikerbiografien und kompositorisches Schaffen von 1784 bis heute

Die Musik hat den Ruf, sie sei eine besonders unpolitische Kunst. Das ist je nach Standpunkt ein guter oder schlechter Ruf. Als Beleg für die letztgenannte Position gern zitiert wird aus Auerbachs Keller in Goethes Faust I „Ein garstig Lied! Pfuy! ein politisch Lied!“. Der Ausruf gibt allerdings nicht Goethes Ansicht wieder, sondern die von betrunkenen Studierenden.

Das Symposion Musik und Politik 2014 in Braunschweig bildet die Grundlage des Buchs. 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkriegs lag es nahe, dass gleich zwei Beiträge sich mit dieser das Jahrhundert mitprägenden globalen Katastrophe im Zusammenhang mit Musik und Musikkultur befassen: Die Wiener Schule
und der Erste Weltkrieg (Stefan Hanheide), die unterschiedliche Haltungen hat, sowie Krieg und Religion im Medium der Musik: Deutsche
Oratorien im Ersten Weltkrieg (Dominik Höink).
Zeitlich schließt Alexander Gurdon an mit Oskar Fried – ein Dirigent der Arbeitermassen und Komponist der „deutschen Marseillaise”. Wie Spohr selbst wurde auch sein Umfeld von gesellschaftlichen Umwälzungen mitgeprägt. Eine solche zeitgeschichtliche Einbettung zeigt Volker Timmermanns Beitrag „Sie könnte ebensogut auf einem Spinnfaden geigen.“ Die Spohr-Schülerin Elisabeth Filipowicz. Karriere als Folge von Emigration. Hanns-Werner Heister

Spohrs Leben und Werk, das neben vielen anderen Einflüssen auch von den sozialen und politischen Unruhen seiner Zeit geprägt worden ist, war Ausgangspunkt für die Frage, ob Spohr das Label „politischer“ Komponist zu Recht trägt.
Haben die Erlebnisse als Hofkapellmeister in Kassel, der die Julirevolution 1830, die Märzrevolution 1848 und letztendlich den Sieg der reaktionären Kräfte miterleben musste, Spohr zu einem politischen Komponisten werden lassen?
Inwieweit beeinflussten politische Auseinandersetzungen das Schaffen von Spohr, seiner Musiker- und Komponisten-Kollegen, und wie entwickelte sich das Verhältnis von Musik und Politik über das 19. Jahrhundert und über Europa hinaus?
Ist Musik bereits politisch, wenn ihr von außen entsprechende Inhalte
nachgesagt oder in sie hinein interpretiert werden, oder muss ihr ein dezidiert politisches Kalkül zugrunde liegen? Nimmt sie bzw. nehmen die Komponierenden aktiv Bezug auf aktuelle politische Situationen und kann sie deren Entwicklung beeinflussen? Auf welche Weise ist sie entgegen dem Willen der Komponierenden für politische Zwecke gebrauchbar oder missbrauchbar?
Die zentrale Frage, inwieweit das Schaffen und Wirken von  komponierenden und Musizierenden der vergangenen Jahrhunderte auf politische und gesellschaftliche Veränderungen Einfluss genommen bzw. auf jene reagiert hat, oder inwieweit sich Komponierende und Musizierende lediglich bereits bestehenden Strömungen angeschlossen oder überhaupt ganz von Politik ferngehalten haben, wird in allen Autorentexten berührt.

ANJA HESSE: Vorwort
BERHARD WEBER: Einleitung
HANNS-WERNER HEISTER: Mozart, Spohr, Musik-Fest. Zur politischen Dimension der Musik
STEFAN HANHEIDE: Die Wiener Schule und der Erste Weltkrieg
KARL TRAUGOTT GOLDBACH: Die Rezeption von Spohrs Jessonda im Nationalsozialismus
DOMINIK HÖINK: Religion und Krieg im Medium der Musik:
Deutsche Oratorien im Ersten Weltkrieg
ALEXANDER GURDON: Oskar Fried – Dirigent der Arbeitermassen und Komponist des Erntelieds, der „deutschen Marseillaise“
VOLKER TIMMERMANN: „Sie könnte eben so gut auf einem Spinnfaden geigen“. Die Spohr Schülerin Elisabeth Filipowicz. Karriere als Folge von Emigration
HENDRIK BARTELS: Misanthropie und Ideologie oder: Warum fällt rechtsextremes Gedankengut im Black Metal auf fruchtbaren Boden?

http://www.merseburger.de/index.php?id=9975&

Herausgegeben im Auftrag des Oberbürgermeisters der Stadt Braunschweig
von ANJA HESSE, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig
und BERNHARD WEBER, Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig, Institut für Musik und ihre Vermittlung

Mit Beiträgen von
HENDRIK BARTELS, KARL TRAUGOTT GOLDBACH, ALEXANDER GURDON, STEFAN HANHEIDE, HANNS-WERNER HEISTER, DOMINIK HÖINK, VOLKER TIMMERMANN

Veröffentlichungen des Dezernats für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig, Fachbereich Kultur, Abteilung Literatur und Musik, Band 5

Reihen: Braunschweiger kulturwissenschaftliche Studien Band 5
Artikelnr.: EM 1556
ISBN: 978-3-87537-358-5

Preis: 19,90 €

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Termine

Samstag, 11. November 2017, 20:00 -
Auftaktkonzert des Eröffnungsfestivals der Komponisteninitiative Kassel
Montag, 13. November 2017, 20:00 -
Abschlusskonzert des Eröffnungsfestivals der Komponisteninitiative Kassel
Sonntag, 19. November 2017, 00:00 -00:00
Orgelkonzert mit Martin Forciniti